teenagers with Asbo's
Foto: Hazel Thompson

Kurz vor Knast

Letzte Warnung

Paul und David finden ganz schön ungerecht, was ihnen passiert ist. Seit Februar haben sie jeden Abend ab sieben Uhr Hausarrest, sie dürfen gemeinsam nur noch auf die Straße, wenn ihr Vater oder ihre Mutter dabei sind. Und sechs Straßen in ihrem Stadtteil dürfen sie gar nicht mehr betreten. Das sind keine Regeln, die ihre Eltern aufgestellt haben. Die Polizei in Lancashire in Nordengland hat diese Anordnungen vor Gericht beantragt. Denn Paul, 17, und David, 16, haben ganz schön viel Mist gebaut. Sie haben immer wieder Leute angepöbelt, sie haben die Schaufenster eines Ladens mit Eiern beworfen, sie haben anderen Menschen Angst gemacht. Das sagt der Polizist Marc Cruise, der für den Stadtteil verantwortlich ist, in dem Paul und David leben.

Irgendwann hatte er so viele Beschwerden über die beiden Brüder und ihre Freunde bekommen, dass er etwas unternehmen musste. Was Paul und David gemacht hatten, war nicht so schlimm, dass die Polizei sie verhaften konnte. Und das wollte Marc Cruise auch nicht. Paul und David sind ja keine Verbrecher, sagt er: „Aber ich musste ihnen deutlich zeigen, dass es so nicht weitergeht.“ Also hat Marc Cruise eine „Anti-Social Behaviour Order“ (auf Deutsch: „Anordnung gegen unsoziales Verhalten“) bei einem Richter beantragt.

Dieses Ding mit dem langen Namen soll vor allem Jugendliche dazu bringen, mit dem Unsinn aufzuhören, mit dem sie andere ärgern. Um die 3000 dieser Anordnungen werden in England jedes Jahr verhängt. Aber da viele Teenager dann doch gegen diese Regeln verstoßen und der Poli-zei damit noch mehr Arbeit machen, diskutieren englische Politiker gerade, ob das Ganze wirklich Sinn hat. In Deutschland gibt es solche Anordnungen nicht.

In Pauls und Davids Fall hat der Richter verboten, dass sie in die Nähe des Ladens gehen, bei dem sie randaliert haben. Sie dürfen auch einige ihrer Freunde nicht mehr auf der Straße treffen. Die müssen jetzt zu ihnen nach Hause kommen, sonst können sie sich nirgends sehen. Diese Anordnung ist kein Gerichtsurteil. Sie ist so etwas wie ein letzter Warnschuss. Wenn Paul und David gegen die Regeln verstoßen, kann die Polizei sie festnehmen. Sie müssen dann in einer Zelle auf dem Polizeirevier bleiben, bis ein Richter Zeit für sie hat. Der entscheidet, was weiter mit ihnen passiert. Wenn so etwas öfter vorkommt, kann ein Richter sie sogar zu Jugendhaft verurteilen. Deswegen passen die Eltern von Paul und David nun höllisch auf, dass ihre Söhne nicht gegen die Regeln verstoßen. Was gar nicht so einfach ist, weil es so viele Regeln sind.

Pauls und Davids Eltern finden, dass die Strafe für ihre Söhne zu hart ist. Zwei Jahre Hausarrest sind ziemlich lang, sagen sie. Tatsächlich ist das länger als viele Strafen, die ein Gericht bei Verbrechen wie zum Beispiel Diebstahl verhängt.

Die beiden Jungs streiten sich ständig, weil sie sich im Haus auf die Nerven gehen. Und dann streiten sich auch die Eltern. Wenn die Familie einen Wochenendausflug machen will, müssen sie dies Wochen vorher bei der Polizei anmelden. David ist von seiner alten Schule geflogen, weil er Probleme mit der Polizei hatte. Und auch sein Sportverein will nicht mehr, dass er vorbeikommt. Er lernt jetzt in einer neuen Schule, die Kinder wie ihn aufnimmt. Dort hat er sich bisher so gut benommen, dass er jetzt wieder einen Tag in der Woche auf seine alte Schule darf.

Sein Bruder Paul sucht gerade nach einem neuen Job. Er würde gern weiter als Landschaftsgärtner arbeiten, der letzte Arbeitsvertrag ist nicht verlängert worden. Er sagt, wenn er gewusst hätte, wie schlimm diese Regeln sein würden, hätte er sich anders benommen: „Aber wir waren nicht allein. Da waren auch andere, die Ärger gemacht haben.“

Paul und David finden es nicht gut, dass die Polizei sie als die Schuldigen herausgepickt hat. In englischen Zeitungsberichten werden sie als der Schrecken der Nachbarschaft beschrieben. Ihre Mutter erzählt dagegen, dass Paul im Jugendklub aushilft, dass die beiden Brüder den Nachbarn den Garten machen und ihre geistig behinderte jüngere Schwester umsorgen: „Sie haben sicher dumme Sachen gemacht. Aber wenn sie jetzt den kleinsten Fehler machen, verhaftet sie sofort die Polizei. Das könnte ihr ganzes Leben ruinieren!“

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