Jeder ist ein Künstler, davon war Joseph Beuys überzeugt. Denn man muss dazu nicht unbedingt gut zeichnen können. Man muss nur eine kluge Idee haben und es schaffen, die richtigen Gegenstände entsprechend zusammenzustellen. Viele fanden das skandalös. Was Beuys, lange einer der wichtigsten internationalen Künstler, da ausstellte, sollte Kunst sein? Ein alter VW-Transporter und dahinter ein paar Schlitten?
Von diesem „Rudel“ (1969) war die Kunstszene irritiert: Beuys hatte einfach den VW-Bully seines Berliner Galeristen durch die DDR in die BRD gefahren, in einem Raum geparkt und 24 in der DDR gebaute Holzschlitten so arrangiert, dass man dachte, sie wären gerade aus dem Laderaum gesprungen und hätten sich zu einem Rudel formiert. Jeden Rudel-Rodel-Schlitten, du siehst es, hat Beuys ausgerüstet: mit einer Stablampe, einem Klumpen Fett und einer zusammengerollten Filzdecke. Festgeschnallt, damit während der Fahrt nichts verloren geht. Und jetzt wirst du Beuys recht geben: Das hätte jeder gekonnt! Man muss nur die Idee haben. „Nur“? Und, vor allem, was für eine Idee?
Durch ein wenig Nachsinnen über das, was du siehst, enträtselst du schon vieles. Du weißt natürlich, dass nicht Schlitten, sondern … genau, dass Hunde von Ladeklappen springen … dass Rudel … ja klar, dass Wölfe Rudel bilden, und jetzt verstehst du, warum ausgerechnet der an der Spitze stehende Leitschlitten ein kleines bisschen anders ist. Aber schlüssig wird das alles erst, wenn deine Gedanken dich zu Hundeschlitten tragen, zu den im Rudel laufenden, wolfsähnlichen Huskys und einer Schneelandschaft, in der es bitterkalt und früh dunkel wird. Wie gut, dass man sich auf der rasanten Fahrt in die Filzdecke wickeln und mit der Lampe den Weg ausleuchten kann. Und das Fett ließe sich schmelzen und zum Schutz vor Kälte auf der Haut verteilen oder zum Fetten der Kufen oder auch zur Zubereitung von Nahrung verwenden.
Und was machen Huskys? Sie wollen (davon)laufen! Davonlaufen? Das wollten doch auch viele DDR-Bürger, an denen Beuys damals im Bully vorbeigefahren war und von denen nur wenigen, zum Beispiel versteckt in einem Kofferraum, die Flucht gelungen war.
Auch daran mag der rostige VW erinnern: Er hat dasselbe Baujahr wie die Berliner Mauer, 1961.

